Das können wir uns sparen!

Da das Staatsbudget 2014 ganz im Rahmen der Einsparungen steht, schließe ich mich der Suche nach überflüssigen Aktivitäten des Staatsapparates an, und mache gleich einen Vorschlag was wir uns noch sparen könnten: Ein Jahr im Sekundarunterricht.

Es scheint manchmal so als ob man in Luxemburg sein Bestes gibt um kognitive Dissonanz zu vermeiden: Die Entscheidung sieben Jahre Sekundarunterricht abzuhalten, daraus schlussfolgernd dass das Erlernen von drei Sprachen eine große Herausforderung darstellt, und das gleichzeitige Bedauern dass luxemburgische Schüler später an den Fakultäten beginnen. Das zusätzliche Jahr, das uns von anderen europäischen Staaten unterscheidet, muss also gerechtfertigt werden. Wie sollen wir denn den zu erlernenden Stoff rechtzeitig abarbeiten? Ab diesem Punkt muss man für heilig erklärtes Gebiet betreten: Die Frage nach der Relevanz.

Die Wahrung der Dreisprachigkeit rechtfertigt nicht den übertriebenen Perfektionismus der seit Jahrzehnten von der Lehrerschaft im öffentlichen Unterrichtswesen betrieben wird, bzw. von dem ihnen vorgeschriebenen Lehrplan. Es gilt inhaltliche Reformen zu tätigen, Grammatik auf sechs Jahre zu strecken statt auf drei, Textverstehen und Medienkompetenz zu fördern und die Dringlichkeit der Detailanalyse der Kulturklassiker von Goethe, Camus, Frisch, Balzac u.ä. in Frage zu stellen. Für einen gebildeten Schüler des 20. Jahrhunderts wäre die Nicht-Kenntnis von Latein undenkbar gewesen. Und wo stehen wir heute? Die Welt ändert sich doch die Schule nicht mit ihr.

Definition

Dabei rufe ich keineswegs dazu auf kulturrelevante Werke wegzulassen, sondern vielmehr den Stoff zu reduzieren oder zu komprimieren. Ich könnte darüber herziehen mit welchem Zeitaufwand die verschiedenen literarischen Epochen zerpflückt werden, während die Schüler in stundenlangen Sitzungen die umfassenden Erklärungen des Lehrers mit zurückgehender Neugierde empfangen, und das was ihnen an Aufmerksamkeit einstweilen fehlt, kurzangebunden durch sorgsames Vorsagen und gewissenhaftes Zurückgeben des zu lernenden Stoffes vor den anstehenden Klausuren wieder wettmachen. Ironisch irgendwie, wird doch gerade die Überschüttung mit Gelehrsamkeit bereits in Rabelais‘ „Gargantua“ im Kurs behandelt. Als Lehrer dann an den einfältigen Protagonisten zu appellieren, er müsse doch wissen dass die Verwertung des Wissens wichtiger als die bloße Häufung… naja „wer im Glashaus sitzt…“, sie kennen die Geschichte.

Erst kürzlich haben deutsche Bildungsforscher der Universität Duisburg-Essen Ergebnisse einer umfassenden G8-Studie (G8=um ein Jahr verkürztes Abitur in Deutschland) veröffentlicht. Sie kommen zum Schluss: Wesentliche Unterschiede zwischen G8 und G9 gibt es nicht. Die Schüler sind weder besser noch schlechter dran, noch sind sie gestresster. Dr. Svenja Mareike Kühn wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Bildungssystem- und Schulentwicklungsforschung meint in einem Interview mit der Zeitschrift „Spiegel“:

Die Ergebnisse, die wir gefunden haben und die über verschiedene Untersuchungsgruppen stabil sind, finden in der Öffentlichkeit kaum Gehör. Im Vergleich zu den Diskussionen um andere Reformen im Bildungsbereich ist es bemerkenswert, wie lange der Protest gegen G8 anhält. Fest steht, dass vor allem die Eltern eine zentrale Rolle spielen; diese sind deutlich kritischer als die Schüler selbst.

Im Hinblick zur G8/G9-Debatte in Deutschland, könnte man nicht die Diskussion führen ob eine Verkürzung der Sekundarstufe, verbunden mit einer Reduzierung des Lernstoffes in verschiedenen Fächern eine mögliche Option wäre? Mit „Mir wëllen halen wat mer hunn“ behalten wir unseren aktuellen Systeme, und damit auch die Probleme die sie mit sich bringen: Unmotivierte Schüler, Schulabbrecher, weniger genutztes „Gap year“ für Freiwilligendienst/Auslandserfahrung und spätere Berufsausbildung.

Oft taucht in Dokumenten zu kompetenzorientiertem Unterricht folgender Satz auf: „Lernen ist keine Adaption von Wissen, sondern ein aktiver, konstruktiver, an Arbeitssituationen gebundener und sozialer Prozess.“ Für einen Schüler der heutigen Sekundarstufe ist mir der Satz zu kompliziert, ich glaube ich lern den auswendig…


Dieser Artikel wurde am 03/04/2014 im Lëtzebuerger Journal veröffentlicht.

Pictures are Creative Commons.

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